01. Dezember

Drachengeschichte für den 01. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderDiesmal knipste Lisa das Licht schon an, als sie den Wind vor dem Fenster hörte. Sie waren gar nicht erst eingeschlafen, sondern warteten gespannt auf Fissinor.

Fissinor war richtig außer Atem, so schnell war er geflogen. „Mein Großvater hat es erlaubt, er bringt mich jetzt jeden Abend“, berichtete er. „Aber nur kurz und nur bis zu eurem Weihnachtsfest.“

„Heute kannst du auf meinem Bett sitzen!“, sagte Lukas und klopfte einladend auf die Matratze. Vielleicht konnte Fissinor seine Füße wärmen.

Lukas und Lisa trugen beide große weiße T-Shirts mit blauen Schneeflocken darauf. Sie sahen ein bisschen aus wie der Engel auf der Spitze des Weihnachtsbaums an der Kirche, an dem Fissinor vorbei geflogen war. Nur Flügel hatten sie nicht. Schade, dachte Fissinor, wenn sie fliegen könnten, hätten wir bestimmt eine Menge Spaß zusammen.

„Also“, sprudelte Lisa los, noch ehe Fissinor sich gemütlich zusammengerollt hatte, „wir haben uns gedacht, an Weihnachten schenkt man sich was, und im Adventskalender ist auch immer ein kleines Geschenk.“

„Und deswegen werden wir dir welche von unseren Erinnerungen schenken“, erzählte Lukas weiter. Ganz ernst saß er in seinem Bett, wie ein kleiner Lehrer. „Dann erfährst du, wie es ist, ein Menschenkind zu sein.“

„Ja, und wir suchen nur die Erinnerungen aus, die schön und lustig sind. Dann lernst du das Lachen von alleine.“ Lisa hüpfte vor Aufregung im Bett auf und ab. „Es fängt an mit der gelben Wanne, stimmts, Lukas?“

„Ja“, erzählte Lukas, „das ist das erste Lustige, an das wir uns beide erinnern können. Wir hatten eine gelbe Plastikwanne, die stand im Sommer auf der Wiese und wenn es heiß war, hat Papa Wasser reingefüllt.“

„Was ist eine Wanne?“, wollte Fissinor wissen.

„Na, so eine Art ganz kleiner See“, half Lisa. „Da durften wir reinspringen und planschen. Das Wasser war so kalt, dass wir gekreischt haben, aber dann war es sehr lustig. Lukas hat sich vorgestellt, er wäre ein Frosch. Und ich hab so getan, als wäre ich eine Wasserprinzessin, die silberne Wasserperlen spritzen kann. Den Papa haben wir auch nass gespritzt.“

„Du kannst ja doch lachen! Du lachst mit deiner Schwanzspitze!“, rief Lukas und zeigte auf Fissinor, der sich überrascht umdrehte. Tatsächlich, als Lisa erzählte und Fissinor sich alles vorstellte, da hatte seine Schwanzspitze ganz von alleine angefangen, lustige Kringel in die Luft zu malen.

„Das macht aber kein Geräusch. Ich möchte richtig lachen!“

„Das ist aber doch ein Anfang“, meinte Lisa. „Jetzt bist du dran. Hast du auch schon mal geplanscht?“

„Junge Drachen dürfen leider nicht ins Wasser“, erklärte Fissinor. „Unsere Haut ist zu dünn. Wenn kleine Drachen nass werden, können wir als erwachsene Drachen nicht gut Feuer spucken. Aber als ich mal alleine war und es geregnet hat, bin ich aus der Höhle gelaufen. Die Regentropfen haben auf meiner Haut getanzt und gekitzelt, weil sie kalt waren. Das hat mir sehr gefallen!“

„Bestimmt hat sich da auch deine Schwanzspitze gekringelt“, sagte Lukas.

Draußen kam ein Wind auf und der Vorhang blähte sich.

„Mein Großvater! Tschüss, Lisa, tschüss, Lukas. Danke für die Erinnerung!“ Fissinor sauste schleunigst zum Fenster.

„Gute Nacht, Fissinor!“, riefen die Zwillinge und kuschelten sich ein und dachten an einen ganz kleinen Drachen im Regen.

Fissinor sah im Vorbeifliegen einen See im Mondlicht leuchten und dachte an ein Menschenmädchen, das mit silbernen Tropfen Prinzessin spielte.

***

Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Drache, Bett, Prinzessin

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