Vorgeschichte Teil 2

Vorgeschichte Teil 2

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderKumulor steckte den Kopf in den Eingang von Fissinors kleiner Höhle. Sofort wurde es noch dunkler, als es an diesem Winterabend sowieso war, denn Kumulors Kopf war riesig.

„Großvater!“ Fissinor war schon beinahe eingeschlafen und erschrak mächtig.

„Wolltest du nicht ein Menschenkind kennenlernen? Dann komm!“

„Jetzt?“

„Jetzt oder nie. Heute hat für die Menschenkinder das begonnen, was sie Adventskalender nennen. Das ist die Zeit, in der sie endlich glauben, was sie sehen und was man ihnen erzählt.“

Fissinor streckte gähnend seine kleinen Flügel und folgte seinem Großvater durch das Tal bis zu einer kleinen Stadt. Manchmal mussten sie eine Pause machen, denn Fissinor konnte noch nicht lange fliegen, schon gar nicht in der Kälte. Ein wenig mulmig war ihm auch zumute. Es war so dunkel, und wer weiß, ob das Menschenkind freundlich sein würde.

„Ich habe sogar zwei Menschenkinder gesehen, die mir geeignet scheinen“, sagte Kumulor, als ob er Fissinors Gedanken gelesen hätte. „Es sind Zwillinge, ein Männchen und ein Weibchen.“

Sie flogen auf ein Haus zu. „Da kannst du landen. Das Fenster ist offen, klettere einfach hinein. Ich hole dich bald wieder ab“, sagte Kumulor und zeigte mit der Schwanzspitze auf einen kleinen Balkon. Er selbst hätte da nie landen können. Der Balkon wäre sofort abgebrochen.

Fissinor landete mit einem Plumps. Der Boden vom Balkon war eiskalt. Schnell drückte er das Fenster weiter auf und schlüpfte hinein. Es war fast so dunkel wie in seiner Höhle. Nur eine kleine rote Lampe leuchtete an der einen Seite. Fissinor schlich darauf zu und stolperte über etwas Weiches. Vor Schreck quietschte er. Da wurde es plötzlich ganz hell.

„Lisa, was ist?“, fragte eine verschlafene Stimme.

Fissinor blinzelte. Er sah zwei Menschenkinder, die aufrecht in ihren Betten saßen und ihn mit großen Augen anstarrten. Sie sahen genauso erschrocken aussahen aus, wie er sich fühlte. Das machte ihm Mut.

„Hallo“, sagte er.

„Lukas, ein Drache!“ Jetzt war es Lisa, die quietschte.

„Ich bin bloß ein sehr kleiner Drache“, sagte Fissinor bescheiden.

„Woher weißt du, dass das wirklich ein Drache ist, Lisa? Er sieht gar nicht aus wie die Drachen auf den Bildern in Büchern“, sagte Lukas misstrauisch.

„Drachen sehen für ein Menschenkind immer genau so aus, wie es sich einen Drachen vorstellt, sagt mein Großvater“, erklärte Fissinor. „Deswegen dürfte es gar keine Bilder in den Büchern geben, weil derselbe Drache für jedes Kind anders aussieht.“

Lukas stieg aus dem Bett und ging vorsichtig auf Fissinor zu. „Was willst du von uns?“

„Ich dachte, es gibt keine Drachen!“, sagte Lisa und stieg auch aus dem Bett. Mit einem Finger stupste sie Fissimors Rücken an. „Aber du bist gar nicht geträumt!“

Fissinor sah von einem zum anderen. „Großvater hat gesagt, vor Weihnachten können Kinder besser glauben als sonst.“

„Ich wusste immer, dass es Drachen gibt. Bloß die Erwachsenen wissen es nicht“, erklärte Lukas. „Aber ich dachte, Drachen sind viel größer. Und ich dachte nicht, dass sie nachts in Häuser einbrechen.“

„Ich bin eben noch jung, genau wie ihr.“ Fissinor war jetzt doch ein wenig beleidigt. „Ich wollte wissen, wie es ist, ein Menschenkind zu sein und warum sie so schöne Geräusche machen. Großvater hat gesagt, das geht nur abends, weil die großen Menschen mich nicht sehen dürfen. Die machen sonst Geschrei und sperren mich ein.“ Er sah sich ängstlich um.

„Da hat er recht, aber wenn wir leise sind, merken sie es nicht“, beruhigte Lisa ihn und krabbelte wieder unter ihre Decke. „Komm her, du darfst dich auf mein Bett setzen. Es ist kalt.“

Fissinor hüpfte auf das Bett und fand es herrlich weich. Behaglich rollte er sich zusammen. Unter seinem Gewicht platzte die Naht an Lisas Decke auf und eine kleine Daunenfeder flog heraus und kitzelte Fissinor im Ohr. Hastig kratzte er sich mit der Schwanzspitze.

Lisa musste hellauf lachen.

Fissinor setzte sich vor Aufregung ganz gerade. „Das ist es!“, rief er. „Was ist das für ein Geräusch?“

„Was meinst du?“

„Na, was du gerade gemacht hast. Es klingt wie ein Bach, der über Steine hüpft. Ich muss dabei an Sommer denken und Sonnenlicht, das in den Blättern huscht. Und an den Geschmack von Erdbeeren. Es gefällt mir.“

„Er meint lachen, glaube ich“, sagte Lukas. „Lachen Drachen denn gar nicht?“

„Nein …“

„Wir machen es, wenn wir etwas lustig finden und wenn es uns richtig gut geht“, erklärte Lisa. Sie strich Fissinor über den Rücken. Er tat ihr ein bisschen leid. „Vielleicht kannst du es lernen? Versuch doch mal! Bei mir kommt es ganz von selber!“

Fissinor versuchte es, aber es kam nur ein kleines Husten dabei heraus.

„Vielleicht musst du ihn kitzeln!“, schlug Lukas vor.

Lisa nahm die Feder und kitzelte Fissinor noch einmal im Ohr. Fissinor kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Doch es kam nur eine Art Schnauben.

„Au weia!“, hörte er Lukas sagen. Fissinor öffnete die Augen und erschrak. Eine ganz kleine Flamme war aus seinen Nasenlöchern gekommen. Das gelang ihm nur selten, denn er war ja noch ein sehr junger Drache. Und wenn er allein war, war es ihm gar nicht erlaubt.

Lisa wedelte mit dem Zeigefinger.

„Das ist nicht gut! Wenn Mama das riecht, denkt sie, wir haben gekokelt!“

„Tut mir leid“, sagte Fissinor zerknirscht. „Ich darf das auch nicht.“

„Ich glaube, er lernt erst lachen, wenn er wirklich verstanden hat, was das ist“, sagte Lukas, der viele Bücher las und manchmal erstaunliche Dinge wusste.

Ausnahmsweise war Lisa der gleichen Meinung.

„Wir erzählen dir einfach, was uns zum Lachen bringt.“

„Ja, du wolltest doch sowieso wissen, wie es ist, ein Menschenkind zu sein“, ergänzte Lukas. „Und dafür erzählst du uns, wie es ist, ein Drachenkind zu sein!“

„Wie heißt du überhaupt?“, wollte Lisa wissen.

„Fissinor.“

„Das passt zu dir“, fand Lukas.

Von draußen kam ein Geräusch, als wäre plötzlich ein Wind aufgekommen, und der Vorhang blähte sich auf.

„Das Erzählen geht jetzt nicht, mein Großvater holt mich ab“, sagte Fissinor traurig. „Aber wenn ich darf, komme ich morgen wieder.“

„Au ja!“, freuten sich Lukas und Lisa. Endlich mal ein Grund, gerne schlafen zu gehen. „Tschüss, Fissinor!“

Fissinor hüpfte vom Balkon und folgte seinem Großvater. Er war müde, aber er hatte das Gefühl, dass ein kleiner Drache auch mit Menschenkindern befreundet sein könnte.

Lisa und Lukas sahen nur einen gewaltigen Schatten vorbeihuschen. Große Drachen wissen sehr gut, wie man sich in der Nacht verstecken kann.

„Hoffentlich kommt er morgen wieder“, sagte Lukas.

„Der kommt“, freute sich Lisa, „der ist genauso neugierig wie du.“

„Schlaf lieber“, brummelte Lukas und kuschelte sich gähnend in sein Bett.

***

Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Drache, Fissinor, Kumulor, Großvater

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