06. Dezember

Drachengeschichte für den 06. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderAm Fenster rumpelte es. „Macht auf!“, kam Fissinors Stimme von draußen.

„Was schleppst du denn da an – oh!“, sagte Lukas.

„Ihr habt eure Stiefel vor der Haustür vergessen!“, schnaufte Fissinor. „Ich dachte, ich bring sie lieber mit, ehe ihr Ärger kriegt.“

Lisa fing an zu lachen. „Ihr Drachen kennt wohl keinen Nikolaus, oder?“

„Wer ist Nikolaus? Wohnt hier noch jemand?“ Fissinor war verwirrt, legte aber den Kopf schief, weil er Lisas Lachen so gerne hörte.

„Zeig mal, steckt schon was drin?“ Lukas fühlte in seinem Stiefel herum.

„Das ist doch viel zu früh! Fissinor, sei nicht böse, aber könntest du vielleicht …“ Sie war ein bisschen verlegen. Fissinor hatte ja nur helfen wollen.

„Könntest du vielleicht so nett sein und die Stiefel wieder dahin zurückstellen, wo sie waren?“, half ihr Lukas. „Wenn wir jetzt runtergehen, merkt Mama das. Und wenn du wieder hoch kommst, erklären wir dir, warum sie da stehen müssen.“

„Ihr Menschen seid merkwürdig“, brummelte Fissinor, verschwand aber bereitwillig mit den Stiefeln im Dunkeln.

„Das ist so“, erzählte Lisa als Fissinor schließlich gemütlich zusammengerollt auf ihrem Bett lag. „Wir stellen an diesem besonderen Tag jedes Jahr unsere Stiefel vor die Tür. Aber nur einen natürlich, sonst denkt der Nikolaus wir können nicht genug kriegen und ärgert sich. Ja, und nachts kommt dann der Nikolaus und füllt Süßes in den Stiefel oder kleine Geschenke.“

„Angeblich nur, wenn man brav war“, fügte Lukas hinzu. „Aber wir waren nicht immer brav, und es war trotzdem immer was im Stiefel. Vielleicht ist der Nikolaus gar nicht so streng – oder er kann sich bei den vielen Kindern nicht alles merken.“

„Ja, einmal waren sogar Möbel für meine Puppenstube drin“, erinnerte sich Lisa.

„Und bei mir Matchbox-Autos.“

„Und gar nichts Schönes zu essen?“, fragte Fissinor, der sich unter Matchbox-Autos nichts vorstellen konnte. Von Möbeln verstand er auch nicht viel. Aber so ein Bett mit Federdecke, das war schon ganz angenehm, fand er.

„Doch, klar, ein Schokoladennikolaus und Dominosteine und Nüsse.“

„Steine? Ihr esst Steine? Mit so kleinen Zähnen?“

Diesmal musste Lukas lachen. „Die heißen doch nur so. Es ist so eine Art Würfel aus Teig und Marzipan und Schokolade. Ich heb dir einen auf, wenn wieder welche im Stiefel sind.“

„Habt ihr den Nikolaus denn mal gesehen?“

„Wir haben es versucht. Ich bin abends runter geschlichen, aber die Stiefel waren noch leer. Dann hab ich auf der Treppe gewartet, aber da kam keiner. Ich bin eingeschlafen und Papa hat mich gefunden und ins Bett getragen“, berichtete Lisa.

„Und ich bin um Mitternacht runter, und ich glaube, ich habe den Schatten vom Nikolaus gesehen“, sagte Lukas. „Aber mehr nicht. Und es ist ja auch schöner, wenn es eine Überraschung ist, was in den Stiefeln steckt.“

„Habt ihr auch so was Ähnliches?“, fragte Lisa. „Ich meine, Stiefel habt ihr ja nicht, aber vielleicht bekommt ihr was geschenkt?“

„Erzähl ich lieber morgen“, sagte Fissinor und hatte es plötzlich eilig, zum Fenster hinauszusteigen. „Ich will lieber aufpassen, dass Großvater nicht auch die Stiefel einsammelt!“

Am nächsten Morgen staunten Lukas und Lisa sehr. In den Stiefeln waren neue Buntstifte und Dominosteine und Marzipankartoffeln. Aber ganz unten in der Spitze war noch etwas Flaches, Hartes.

Lisa zog ihres zuerst heraus. „Was ist das denn?“, sie drehte es hin und her. „Lukas, guck mal, wie schön!“

Das Ding war etwa so groß wie ein Brillenglas und fast durchsichtig. Es war nicht ganz rund, aber auch nicht viereckig – mehr wie ein Dreieck mit ausgebeulten Seiten. Und es schimmerte in allen Farben: hauptsächlich grün, aber auch blau und golden und rötlich. Ein bisschen wie eine Seifenblase.

Lukas drehte es hin und her, dann erkannte er die Form. „Das ist eine Schuppe von Fissinor!“, rief er.

Und tatsächlich. Fissinor hatte sich am Abend heimlich zwei Schuppen vom Schwanz gezogen. Die wachsen zum Glück wieder nach – das ist so, wie wenn ein Mensch eine Wimper oder ein Haar verliert. „Was der Nikolaus kann, kann ich schon lange!“, hatte sich Fissinor gedacht und die beiden Schuppen in die Stiefel gesteckt.

„Wenn man durchguckt, leuchtet alles ganz bunt!“, stellte Lisa fest. „So etwas Schönes hatten wir noch nie im Stiefel!“

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Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Nikolaus, Stiefel, Schokoladennikolaus, Dominosteine, Nüsse

07. Dezember

Drachengeschichte für den 07. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„Was ist denn das?“ Als Fissinor zum Fenster hereinkletterte, sah er mitten im Zimmer eine bunte Papierserviette liegen. Darauf stand ein kleiner Stapel aus dunkelbraunen Würfeln. Neugierig stupste er mit der Schnauze dagegen und der kleine Turm fiel um. „Oh“, machte Fissinor erschrocken.

Lukas und Lisa saßen in ihren Betten und lachten. „Das macht nichts“, sagte Lisa, „die sind für dich, zum essen.“

„Das sind die Dominosteine aus den Stiefeln“, erklärte Lukas. „Und übrigens vielen Dank für die Schuppen!“

„Oh ja, alles sieht so schön aus, wenn man hindurchguckt! Danke, Fissi!“, sagte auch Lisa.

Fissinor war ganz gerührt und schnappte schnell einen Dominostein. Er war sich nicht ganz sicher, ob ihm der schmeckte. Aber interessant fand er ihn und aß gleich noch einen zweiten. Der war schon besser. Aber warum die Dinger „Steine“, hießen, verstand er nicht. Es gab nur wenige Drachen, die stark genug waren, mit ihren Zähnen Steine zu zerkauen. Aber dieses Zeug hier war so weich wie der Matsch in der Sandgrube, in der er manchmal spielte.

„Du wolltest uns erzählen, was es bei euch gibt, das so ähnlich ist wie Nikolaus“, erinnerte Lisa ihn.

„Ja, das ist aber nicht im Winter“, erzählte Fissinor. „Das ist zur Sommersonnenwende, am längsten Tag des Jahres. Danach werden die Tage wieder kürzer. Und damit die kleinen Drachen nicht traurig darüber sind, bekommen sie nachts ein Glas vor die Höhle gestellt.“ Der kleine Drache schluckte einen dritten Dominostein.

„Und was ist in dem Glas drin?“, fragte Lisa ungeduldig.

„Lauter Glühwürmchen. Das sind kleine Käfer, die nachts leuchten. Bei uns gibt es die eigentlich nicht, aber die großen Drachen fangen sie in einem fernen Wald und bringen sie uns.“

„Ich weiß, was Glühwürmchen sind!“, rief Lukas. „Aber ich habe noch nie welche gesehen, nur im Bilderbuch.“ Er sprang aus dem Bett, holte ein Buch aus dem Regal und hielt es Fissinor vor die Nase. „Sehen die so aus?“

„Oh, das ist mein Lieblingsbuch!“, sagte Lisa. Auf dem Bild war eine weite Wiese zu sehen. Es war Nacht. Der Mond schwebte zwischen den Bäumen und über dem Gras sah man eine Gruppe kleiner, leuchtender Käfer, die über den Blumen tanzten. Die Käfer waren so hell, dass die Blumen auch leuchteten.

„Ja, so sehen sie aus“, sagte Fissinor. „Alle Drachenkinder treffen sich abends mit ihren Gläsern auf genau so einer Wiese, und dann lassen wir alle Glühwürmchen auf einmal frei. Es sieht ganz toll aus. Und wenn die Glühwürmchen anfangen zu fliegen, fliegen wir ein Stück mit ihnen. Einmal haben sich welche auf Mirinelis Rücken und ihre Flügel gesetzt. Sie fand, es kitzelt, aber sie sah wirklich schön aus, wie verzaubert.“

„Wie lange leuchten denn die Glühwürmchen?“, wollte Lisa wissen.

„Die ganze Nacht. Und das ist die einzige Nacht, in der wir Drachenkinder überhaupt nicht schlafen müssen. Wir dürfen mit den Glühwürmchen spielen, bis es hell wird. Dann kommen die großen Drachen und bringen etwas zu essen. Wir haben dann auch ganz schön Hunger. Mirineli hat letzten Sommer sieben ganze Mäuse gegessen!“

„Lukas hat auch mal sieben Würstchen gegessen, an meinem Geburtstag“, kicherte Lisa.

„Das waren aber sehr kleine Würstchen!“, protestierte Lukas. „Du, Fissinor, könntest du uns im nächsten Sommer vielleicht mal die Glühwürmchen zeigen, ehe du sie freilässt?“

„Au ja, bitte, Fissi!“, rief Lisa.

„Wenn Großvater es erlaubt, klar! Aber da ist er, ich muss weg“, sagte Fissinor.

Auf dem Heimflug dachte er: „Die Lichter der Stadt sehen von oben eigentlich auch aus wie ganz viele Glühwürmchen!“

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Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Glühwürmchen, Dominosteine