15. Dezember

Drachengeschichte für den 15. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderLukas‘ Nase hatte sich nicht geirrt. In der Nacht schneite es. Auch am Vormittag hörte es nicht auf. Die Zwillinge saßen in der Schule und sahen sehnsüchtig zum Fenster hinaus, genau wie alle anderen Kinder in der Klasse. Endlich kam die letzte Stunde und die Lehrerin war so nett, fünf Minuten eher Schluss zu machen. „So viel Schnee haben wir schließlich nicht oft“, meinte sie.

Auf der Straße veranstalteten alle eine Schneeballschlacht. Als Lukas und Lisa endlich zuhause waren, hatten sie vom Herumtoben in der Schneeluft einen großen Appetit. „Wollen wir einen Schneemann bauen?“, fragte Lisa beim Mittagessen.

„Klar“, sagte Lukas, „unbedingt! Aber einen richtig großen!“

„Ich kann euch aber nicht helfen“, sagte der Vater, „Ich muss den ganzen Nachmittag ins Büro, arbeiten.“

„Leider muss ich auch weg, einkaufen“, meinte Mutter.

„Ach, das schaffen wir schon. Gibst du uns eine Mohrrübe und den alten Schal und Hut?“

Bald rollten die Zwillinge angestrengt eine Schneekugel vor sich her, die sehr schnell größer wurde. Sie reichte ihnen schon bis zum Gürtel.

„Ich glaub, das reicht“, schnaufte Lukas. „Jetzt wird er zu schwer. Und die anderen beiden Kugeln müssen ja auch noch obendrauf!“

„Ein … bisschen … geht … noch …“, japste Lisa und schob mit aller Kraft, aber die Kugel rührte sich nicht mehr.

„Psst“, macht es da hinter dem Fliederbusch. „Seid ihr allein?“

„Fissinor! Was machst du denn schon hier?“, riefen die Zwillinge gleichzeitig.

„Ich wollte sooo gern mit Euch im Schnee spielen. Großvater hat es erlaubt. Er findet, für Menschenkinder seid ihr ganz in Ordnung.“

„Unsere Eltern sind nicht da. Gut dass du kommst, du kannst uns helfen.“

„Was macht ihr da?“

„Das wird ein Schneemann. Wenn du mithilfst, können wir die Kugel noch bis dahin rollen!“ Lukas zeigte auf einen kleinen Hügel vor einem Tannenbaum.

„Ein Mann aus Schnee? Ich kenne nur Felsenmännchen.“

„Was ist das denn?“, wollte Lisa wissen.

„Das kann er uns später erzählen. Erst der Schneemann!“, sagte Lukas entschieden und drückte mit aller Kraft gegen die Kugel. Lisa und Fissinor stellten sich rechts und links daneben und lehnten sich auch mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Kugel. Fissinor war zwar ein kleiner Drache, aber er hatte viel Kraft, weil er sich mit seinem langen Schwanz abstützen konnte. Zu dritt schafften sie es tatsächlich, die Kugel bis zu dem Baum zu rollen. Auf dem Weg wurde sie noch ein ganzes Stück größer.

„Klasse!“, sagte Lukas zufrieden. „Und jetzt machst du noch eine kleine Kugel, Fissinor, das wird der Kopf, und Lisa und ich machen die mittlere Kugel.“

Fissinor war schnell fertig, aber die mittlere Kugel wurde am Ende fast genauso groß wie die erste und der kleine Drache musste auch dabei wieder helfen.

Allerdings wussten sie nicht, wie sie die zweite Kugel auf die erste bekommen sollten. Sogar zu dritt konnten sie sie nicht anheben.

„Das geht nicht“, sagte Lisa bekümmert.

„Wartet, ich hab eine Idee.“ Lukas verschwand im Geräteschuppen, in dem Vater die Laubharke und die Schubkarre und allerhand Zeug aufbewahrte. Er polterte eine Weile darin herum und kam mit einem langen Brett wieder. Ein Ende legte er auf den Boden und eins auf die erste Schneekugel.

„So, jetzt rollen wir die zweite Kugel da hoch!“

Wieder mussten sie alle drei anpacken. Ein paar Mal wäre die Kugel fast vom Brett gefallen, aber schließlich ging es tatsächlich.

„Jetzt muss ich wohl noch die Leiter holen, um die dritte Kugel draufzusetzen“, meinte Lukas.

„Nö“, sagte Fissinor, „ich kann doch fliegen!“

Die kleinste Schneekugel war zwar auch nicht gerade leicht und ziemlich glitschig, aber er schaffte es, sie mit beiden Vorderpfoten zu umklammern und gerade hoch genug zu flattern um dem Schneemann seinen Kopf aufzusetzen.

„Donnerwetter“, sagte Lisa, „das ist ein ganz schön großer Schneemann. Vater wird staunen.“

„Komm her“, sagte Lukas und gab ihr die Mohrrübe und ein paar Kohlen. „Ich heb dich hoch, und du kannst ihm seine Nase und Augen und Mund geben.“

Lisa tat es und setzte auch noch den Hut obendrauf und wickelte den Schal um den Schneehals.

„Der gefällt mir“, sagte Fissinor. „Der ist noch schöner als unsere Felsenmännchen.“

„Aber wenn es warm wird, schmilzt er leider“, sagte Lukas. „Was denn nun für Felsenmännchen?“

„Wenn Drachenkinder sich in den Bergen treffen, dann versuchen wir manchmal, wer das größte Felsenmännchen bauen kann. Wir suchen Steine und stapeln sie aufeinander, genau wie wir gerade die Schneekugeln. Aber die Steine schmelzen ja nicht. Und wenn wir ein paar Jahre später wieder an den Ort kommen, versuchen wir, ob wir inzwischen einen größeren schaffen. Soll ich einen neben den Schneemann bauen?“

„Lieber nicht!“, sagte Lisa erschrocken. „Das mit dem Brett glaubt uns Vater – aber einen Steinmann bestimmt nicht.“

„Ich glaub, ich hab sein Auto gehört“, sagte Lukas.

„Dann tschüss!“, schon war Fissinor verschwunden.

Die Eltern der Zwillinge bewunderten den schönen großen Schneemann sehr. Und der Schneemann stand da und lächelte und erzählte nichts davon, dass ein kleiner Drache geholfen hatte, ihn zu bauen.

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