Vorgeschichte Teil 1

Vorgeschichte Teil 1

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„Großvater“, sagte Fissinor an einem grauen Tag im November, „ich möchte so gerne wissen, wie es ist, ein Menschenkind zu sein!“

„Hast du nicht genug damit zu tun, ein Drache zu sein?“, brummelte Kumulor. Er war zwar uralt, aber er konnte sich genau daran erinnern, wie es ist, wenn man das Fliegen und Feuerspucken erst noch lernen muss.

„Trotzdem!“, sagte Fissinor. Trotzdem war sein Lieblingswort. Der kleine Drache konnte sehr hartnäckig sein. Das muss man als junger Drache, denn die alten Drachen haben schon so viel erlebt, dass man sie nicht so leicht dazu bekommt zuzuhören. Sie sind immer mit Nachdenken beschäftigt. Vielleicht ist das bei Menschenkindern anders, dachte Fissinor.

„Menschenkinder spielen manchmal“, sagte er. „So ähnlich wie wir. Ich hab das am Strand gesehen und in der Stadt. Sie machen dabei so ein schönes Geräusch. Und Menschen sind spannend. Sie haben Drachen gebaut, in die sie einsteigen und fliegen können. Sie bauen Städte, die wie spitze Gebirge aussehen. Die Städte spucken Rauch, genau wie wir. Ich wüsste gern, wie Menschen sind.“

„Menschen sind sehr seltsam“, sagte Kumulor und sah aus, als wollte er ein Nickerchen machen. Und wenn ein uralter Drache ein Nickerchen macht, dauert es sehr, sehr lange, bis er wieder aufwacht.

„Großvater!“, rief Fissinor schnell.

„Also gut. Aber warte, bis die magische Zeit beginnt. Die Menschen haben ein ähnliches Fest wie unser Feuerfest. Sie nennen es Weihnachten. Es fängt nicht wie bei uns zur Sonnenwende an, sondern drei Tage später. Aber schon vier Wochen davor beginnen sie daran zu denken und zünden Kerzen an, das sind ganz kleine Feuer.“

„Aber warum muss ich bis dahin warten?“

„In dieser Zeit sind die Menschen offener für das, was sie Wunder oder Märchen nennen“, erklärte Kumulor. „Und sie sind auch friedlicher gestimmt. Dann suchst du dir ein Menschenkind, mit dem du reden kannst. Zum Glück gibt es Drachen schon seit so vielen Millionen Jahren, dass wir die Sprachen der meisten Lebewesen beherrschen. Ich werde dir Bescheid geben, wenn es soweit ist. Und nun lass mich in Ruhe!“ Brummend steckte er den gewaltigen Kopf unter seinen Flügel.

Fissinor war zufrieden, denn wenn Kumulor endlich etwas versprochen hatte, dann hielt er es auch. Jetzt musste Fissinor nur noch Geduld haben. Das würde schwer werden, denn die Geduld von kleinen Drachen ist noch genauso klein wie sie selbst. Aber sooo lange war es ja gar nicht mehr bis zum Feuerfest.

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Weihnachten, Advent, Drache, Fissinor, Großvater, Kumulor, Menschenkind, Feuerfest

19. Dezember

Drachengeschichte für den 19. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„Erzähl uns, wie ihr das Feuerfest feiert“, bat Lisa.

Fissinor lag behaglich zusammengerollt auf ihrem Bett und ließ sich von Lisa hinter den Ohren kraulen. Es ist schwierig, Drachen zu kraulen, weil sie ja kein Fell haben, sondern harte Schuppen. Aber Fissinor fand es trotzdem schön. Und dann war da noch die Stelle am Ansatz seiner Flügel. Immer wenn die wieder ein Stück wuchsen, juckte es da.

Jetzt setzte Fissinor sich auf. „Na ja, es beginnt zur Sonnenwende. Alle Drachen aus der Gegend versammeln sich auf einer bestimmten hochgelegenen Lichtung im Wald, wo es auch einige Höhlen zum Übernachten gibt. Und alle bringen Holz mit und stapeln einen riesengroßen Haufen auf.“

„Ein Sonnwendfeuer!“, sagte Lukas. „Menschen machen das auch manchmal.“

„Ja. Wenn es dunkel wird, setzen sich alle in einen Kreis und dann darf einer nach dem anderen mit seiner Flamme ein Stück Holz anzünden. Auch wenn das Feuer längst brennt, jeder fügt seine Flamme hinzu, wenn er es schon kann“, erzählte Fissinor weiter und dachte stolz, dass er dies Jahr zum ersten Mal richtig mitmachen konnte. Schließlich hatte er ja auch die Kerze angezündet. „Dann gehen alle schlafen und nur ein paar hüten das Feuer. Am zweiten Tag gibt es Spiele wie zum Beispiel Felsenmännchen bauen oder Hölzer werfen. Und wenn es wieder dunkel wird, holen die großen Drachen die Eispilze aus der Höhle.“

„Die, die sie im Norden gesammelt haben und die man vorher nicht kosten darf?“ Lisa fiel ein, was Fissinor vor ein paar Tagen erzählt hatte.

„Ja, genau die. Sie werden auf lange Stöcke gesteckt und dann zeigen die besten Feuerspucker, wie genau sie die Pilze grillen können, bis die schön weich und goldbraun sind. Dann werden sie verteilt.“ Fissinor leckte sich die Schnauze. Letztes Jahr hatten die Eispilze wirklich sehr lecker geschmeckt.

„Und was macht ihr am dritten Tag?“ Lukas erinnerte sich, dass Fissinor erzählt hatte, das Fest dauere drei Tage.

„Da werden Geschichten erzählt. Abenteuer, die die Drachen in alten Zeiten und auf Reisen erlebt haben“, berichtet Fissinor. „Das ist gemütlich. Alle sind ein bisschen müde vom Feiern und liegen herum und hören zu. Das Feuer brennt dabei langsam herunter. Und man fängt an, sich darauf zu freuen, dass die Tage wieder länger und heller werden und der Frühling bald wieder kommt.“

„Das hört sich nach einem sehr schönen Fest an“, meinte Lisa. „Aber bekommt ihr denn nichts geschenkt?“

Fissinor war erstaunt. „Wieso? Hab ich doch gerade erzählt. Wir bekommen Eispilze und Geschichten und Spiele, und alle sind zusammen.“

„Stimmt“, sagte Lukas, „das sind schöne Geschenke, und eigentlich ist es bei unserem Weihnachten ganz ähnlich. Wir zünden am Baum ja auch kleine Feuer an. Wir essen zwar keine Pilze, aber Gans und Klöße und Süßigkeiten. Wir machen auch Spiele und erzählen Geschichten. Was findest du am schönsten an Weihnachten Lisa?“

Lisa dachte nach. „Den Baum“, sagte sie schließlich entschieden. „Den Weihnachtsbaum, wenn die Kerzen leuchten und das Lametta glitzert. Mein Lieblingsengel aus silberner und blauer Folie sieht dann aus, als ob er zwischen den Zweigen umherfliegt. Und die Strohsterne machen tolle Schatten an die Wand, wenn sie sich an ihrem Faden im Luftzug drehen, immer wenn Papa vorbeigeht um vom bunten Teller zu naschen. Und es ist ganz still und feierlich. Ja, der Baum ist das Schönste.“

„Geht mir genauso“, sagte Lukas.

Als Fissinor nach Hause flog, sah er neben der Kirche einen ganz hohen Weihnachtsbaum leuchten. Da brannten zwar künstliche Lichter und keine echten Kerzen daran, aber es hingen Kugeln an den Ästen, die alle wie ein kleiner silberner Mond aussahen. „Ja, ein Weihnachtsbaum ist etwa sehr Schönes“, dachte er. „Aber ich freue mich auch auf unser Feuerfest. Und dies Jahr kann ich sogar das Feuer mit anzünden!“

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Weihnachten, Advent, Sonnenwende, Sonnenwendfest, Weihnachtsgeschenke, Feuerfest, Drachen