17. Dezember

Drachengeschichte für den 17. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„He, wacht auf!“ Fissinor stupste Lisas Ohr vorsichtig mit seiner warmen Schnauze an. „Wieso schlaft ihr schon?“

Lukas gähnte. „Wahrscheinlich weil wir den ganzen Nachmittag so fleißig in der Küche waren.“

„Ja, genau, wir haben ein ganzes Haus gebaut! Schau mal!“ Lisa zeigte auf ein Gebilde, das auf einem kleinen Tisch stand. Es schimmerte geheimnisvoll, denn es war ganz in Zellophanpapier gehüllt.

„Lukas, mach bitte das Papier ab, damit Fissinor alles sehen kann!“

Vorsichtig nahm Lukas die Hülle ab. „Die muss aber nachher wieder drauf, damit alles frisch bleibt bis Weihnachten.“

„Mmmh … riecht nach Pfefferkuchen!“ Fissinor leckte sich die Schnauze.

„Nein, nein“, sagte Lisa hastig. „Das ist nur zum Angucken. Essen darf man es erst an Weihnachten!“

„Wir gut, dass ich die Reste aufgehoben habe“, lachte Lukas und steckte Fissinor ein Extrastück Lebkuchen in die Schnauze. Es war ein wenig zerdrückt, weil es in Lukas‘ Hosentasche gewesen war, aber das war Fissinor egal.

„Jetzt guck dir endlich das schöne Häuschen an!“ drängte Lisa.

Tatsächlich, die Kinder hatten ein ganzes Haus aus Pfefferkuchen gebaut. Und das Schönste war, es war ganz wundervoll dekoriert. Die Dachziegel waren aus Bonbons und Schokoladenplätzchen, die Fensterläden aus Gummibärchen und in den Fenstern waren Scheiben aus durchsichtiger roter Gelatine. An der Dachkante hingen lange Eiszapfen aus Zuckerguss. Um das Haus herum gab es sogar einen Garten. Ein Weg aus Pfefferminzplätzchen führte zur offenen Tür. Es gab einen See aus blauem Zuckerguss mit Marzipanenten darauf, und ein Blumenbeet, in dem Lutscher wuchsen. Außen herum war ein Zaun aus Schokoladenstangen und Schnüren, die in Zucker getaucht waren. Sogar ein Schneemann aus weißen Negerküssen stand da!

„Und wer ist das?“ Fissinor zeigte auf die gebeugte Figur mit der krummen Nase, die in der Tür stand.

„Das ist natürlich die Hexe! Das ist doch ein Hexenhaus!“ lachte Lisa. „Wie in Hänsel und Gretel.“

„Wer ist Hänsel und Gretel? Ich dachte, das seid ihr!“ Fissinor zeigte auf die beiden Kinder, die im Garten neben dem Zuckergussteich standen.

„Die sehen uns wirklich ähnlich“, stimmte Lukas zu. „Hänsel und Gretel ist ein Märchen für Menschenkinder. Irgendwann können wir es dir ja mal erzählen.“

„Ich mag die Hexe gar nicht“, gestand Lisa. „Aber sie gehört eben dazu.“

„Eigentlich könnten wir sie nächstes Jahr auch auf dem Dachboden lassen“, meinte Lukas. „Dann ist es eben unser Haus.“

„Au ja!“, freute sich Lisa.

„Und warum darf man das erst an Weihnachten essen? Es riecht doch so gut!“ Fissinor fand den Geruch von Lebkuchen, Zuckerguss, Pfefferminz und Schokolade wirklich sehr schön.

„Damit es noch eine Weile schön aussieht. Außerdem gehört das zu Weihnachten, dass das Hexenhaus neben dem Baum steht und duftet und dass man während der Bescherung und an den Weihnachtsfeiertagen immer mal ein Stückchen naschen darf.“

„Aha, so ähnlich wie bei uns die Eispilze.“

„Was sind Eispilze?“, fragte Lisa.

Lukas deckte inzwischen sorgfältig das Zellophanpapier wieder über das Hexenhaus, damit es nicht austrocknete und kein Staub darauf landete.

„Die großen Drachen fliegen Anfang Dezember in den Norden und sammeln sie. Sie sind rund und ganz weich und schmecken sehr lecker, und sie wachsen im Eis. Die Menschen wissen nichts davon, und auch kein Tier. Nur die Drachen können das dicke Eis schmelzen und sie herausholen. Sie bringen sie nach Hause und dann werden sie in einer kalten Höhle gelagert bis zum Feuerfest. Vorher darf niemand sie anrühren. Beim Feuerfest werden sie dann auf Stöcke gespießt und von den Drachen mit Feuer bespuckt, bis sie braun und heiß sind und ganz lecker nach Rauch schmecken.“

„Das klingt nicht schlecht“, fand Lukas. „Du musst uns unbedingt noch mehr über das Feuerfest erzählen. Aber morgen. Jetzt bin ich wirklich hundemüde.“

Draußen rauschte auch schon Kumulors Flügelschlag.

Fissinor stellte sich auf dem Heimweg vor, wie es wäre, in einem ganz großen Lebkuchenhaus zu wohnen. Den Duft hatte er immer noch in der Nase.

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Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Pfefferkuchen, Hexenhaus, Eispilze, Hänsel und Gretel