12. Dezember

Drachengeschichte für den 12. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderAuch diesmal waren Lukas und Lisa nicht in ihren Betten, wie es sich eigentlich gehörte, als Fissinor das Fenster aufstieß und ins Zimmer hüpfte.

„Mach das Fenster bitte wieder zu“, sagte Lisa schnell, „das ist sonst so ungemütlich.“

Die Kinder hatten eine grüne Decke auf dem Boden ausgebreitet und ein paar dicke gelbe Kissen, auf denen sie saßen. In der Mitte lagen Dinge, die Fissinor nicht kannte. Aber sie dufteten. Da erkannte er doch etwas. „Lebkuchen!“

„Wir machen ein Picknick. Das ist eigentlich, wenn man Essen einpackt und einen Ausflug macht und dann unterwegs isst. Irgendwie schmeckt es draußen immer am besten. Aber wir dachten, für dich machen wir es einfach mal hier drinnen, weil es draußen so kalt ist“, sagte Lisa.

„Wir Drachen essen einfach immer da, wo wir was finden“, meinte Fissinor.

„Was esst ihr denn so?“ Bisher wussten die Kinder nur, dass die meisten Drachen kein Obst mochten.

„Och – Regenwürmer, Mäuse, manchmal einen Vogel. Und Pilze und Blätter und Wurzeln.“

Lisa rümpfte die Nase, aber Lukas stieß sie warnend mit dem Ellbogen an. Er fand auch nicht, dass sich das lecker anhörte, aber es wäre unhöflich gewesen, das zu sagen. Schließlich war Fissinor ein Drache und kein Mensch, auch wenn er sich wünschte, Lachen zu lernen.

„Probier mal das“, sagte er schnell und reichte Fissinor ein Brot mit Leberwurst. Obwohl Fissinor ja noch ein kleiner Drache war, war das ganze Brot mit einem Haps verschwunden.

„Oh, mmmh!“ Fissinor war begeistert.

„Und jetzt das.“ Lisa steckte ihm ein Stück Marmorkuchen in die Schnauze.

„Noch besser!“, sagte Fissinor ein wenig undeutlich.

„Und das?“ Lukas versuchte es mit einem Käsewürfel.

Fissinor kaute eine Weile darauf herum, sagte aber nichts. Wahrscheinlich dachte er dasselbe wie Lisa vorhin bei den Regenwürmern, wollte aber auch nicht unhöflich sein.

„Vielleicht eine Tomate“, meinte Lisa.

„Brrr!“ Fissinor schüttelte den Kopf so heftig, dass die Tomate durch das Zimmer flog und eilig unter Lukas‘ Bett verschwand.

„Aha! Gemüse ist auch nicht sein Ding!“ Lukas lachte. „Wie bei mir.“

„Dann das hier.“ Lisa hielt dem kleinen Drachen ein Würstchen hin. Fissinor schnupperte daran und biss schnell hinein.

„Genau richtig“, freute er sich und leckte sich die Schnauze. „Ach, und habt ihr vielleicht Fisch? Den gibt es bei uns fast nie, weil … na ja, Drachen essen eigentlich keinen Fisch. Genau wie Erdbeeren.“ Er sah ein wenig beschämt aus. „Aber ich mag ihn eben.“

„Hier – Rollmops!“ Lukas hielt etwas hoch.

„Wieso Mops? Ich esse keine Hunde!“ Fissinor schüttelte sich.

Lisa musste sehr lachen. „Das hab ich früher auch gedacht, dass ein Rollmops ein Hund ist. Aber Rollmops ist ein aufgerollter Fisch! Keine Sorge, der schmeckt.“

Also biss Fissinor in den Rollmops und stellte fest, dass Lisa recht hatte.

„Kann ich jetzt noch einen Lebkuchen haben, bitte?“

„Hier. Hoffentlich wird dir nicht schlecht nach dem Mischmasch.“ Lukas war ein wenig besorgt.

„Ich bin ein Drache. Wir vertragen ganz andere Sachen“, prahlte Fissinor, „sogar Lavasteine! Upps.“ Auf einmal musste er rülpsen und aus seinen Ohren und seinen ziemlich großen Nasenlöchern kamen vier kleine grünliche Rauchwolken. Lisa und Lukas mussten sehr lachen, nicht nur über die Rauchwölkchen, sondern auch weil Fissinor so überrascht aussah.

„Jetzt bin ich aber satt“, seufzte Lisa behaglich und rollte sich auf einem der dicken, gelben Kissen zusammen. „Lukas, weißt du noch, als wir letztes Jahr mit Papa auf der Birke das Picknick gemacht haben?“

„Ja, der Baum war ganz schräg, und deshalb konnte man gut hochklettern“, erinnerte sich Lukas. „wir haben uns oben jeder auf einen Ast gesetzt und da gegessen, das war toll. Wir hatten das Salz vergessen und Papa hat gesagt, man kann auch Zucker auf die Tomaten streuen. Das hat komisch geschmeckt, aber lecker.“

„Und in dem Sommer davor haben wir ein Lagerfeuer am Seeufer gemacht und Kartoffeln drin geröstet. Die waren ganz toll lecker, weil sie nach dem Rauch geschmeckt haben.“

Fissinor setzte sich auf. „Das machen wir auch! Wir blasen einen Feuerstrahl auf bestimmte Knollen, bis sie warm und weich sind.“

„Ganz schön praktisch, da braucht ihr gar kein Holz zu sammeln“, stellte Lukas fest. „Du, dein Großvater.“

Fissinor hatte das Brausen auch gehört und war schon auf dem Weg zum Fenster. „Mein Bauch ist so voll, ich weiß gar nicht, ob ich noch fliegen kann“, stöhnte er. „Danke für das Picknick! Jetzt weiß ich, wie Menschenkinder essen.“

„Hoffentlich bringt er das nächste Mal keine Regenwürmer mit“, dachte Lisa.

Aber Fissinor überlegte auf dem Heimweg, ob er den Kindern nicht von den besonders dicken Kartoffeln mitbringen sollte, die in Großtante Merfadonas Höhle lagerten.

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Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Picknick, Lebkuchen, Fisch, Rollmops

13. Dezember

Drachengeschichte für den 13. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderIrgendetwas kitzelte ihn an den Fußsohlen. Lukas erschrak so sehr, dass er fast aus dem Bett gefallen wäre. Er riss die Augen auf und sah Fissinor, der empört aussah und irgendetwas sagte. Lukas konnte ihn allerdings nicht verstehen, denn er hatte Stöpsel in den Ohren. Hastig zog er sie heraus und schaltete seinen Mp3-Player aus.

„Du hast mich gar nicht gehört“, beschwerte sich Fissinor.

Lisa saß in ihrem Bett und grinste. „Das sag ich ihm auch immer.“

„Entschuldige. Aber die Musik war so schön. Willst du mal hören?“

Fissinor kam neugierig näher. Lukas steckte ihm die Stöpsel in die ziemlich großen Ohren. Fissinor hielt den Kopf schief und lauschte angestrengt, aber dann schüttelte er sich so doll dass die Stöpsel wieder heraus flogen.

„Gefällt dir das nicht?“ Lukas war erstaunt.

„Dann hört man ja die Welt nicht mehr“, meinte Fissinor.

„Eben“, sagte Lukas. „Ich höre nicht, wenn mir einer sagt, ich soll aufräumen. Ich höre den Krach auf der Straße nicht. Ich höre Lisa nicht, wenn sie ewig mit ihrer Freundin telefoniert. Ist doch prima.“

„Du hörst aber auch nicht, wenn Fissinor da ist!“ feixte Lisa.

„Macht ihr Drachen denn gar keine Musik?“, wollte Lukas wissen.

„Wozu denn? Die Vögel singen doch. Der Wind flüstert im Gras und rauscht auf dem Wasser. Die Bienen summen. Das Eichhörnchen schimpft. Der Kuckuck ruft. Das Kaninchen scharrt in der Erde. Die Blumen wachsen….“

„Du kannst hören, wenn die Blumen wachsen?“, staunte Lisa.

„Ja, wenn man das Ohr dranhält, hört man wie die Stängel aus der Erde kommen. Es ist ein ganz leises Geräusch, aber schöner als Musik!“ Fissinors Augen leuchteten. „Mit Stöpseln in den Ohren kann man sowas natürlich nicht hören.“

„Also, Musik ist aber auch schön! Vielleicht hat dir nur die Band nicht gefallen.“ Lukas sprang aus dem Bett und winkte Fissinor in eine Ecke. „Halt mal Dein Ohr an diesen Lautsprecher. Ich kann das jetzt nur ganz leise machen, sonst hört Mama uns.“ Er kramte eine Weile in der Schublade und legte dann eine CD ein. Fasziniert betrachtete Fissinor die glänzende Scheibe, die sich hinter der durchsichtigen Abdeckung so schnell drehte dass ihm ganz schwindlig wurde.

Leise erklang „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ und dann „Stille Nacht.“ Fissinor spitzte die Ohren und rutschte noch näher an den Lautsprecher.

„Du lächelst!“, sagte Lisa und zeigte auf Fissinors Mundwinkel, die sich eindeutig nach oben bogen. „Es gefällt dir!“

„Es ist schön“, gab Fissinor zu. „Es macht irgendwie … glücklich.“

„Siehste“, sagte Lukas.

„Aber in deinen Stöpseln war nur Krach!“

„Weißt du“, erklärte Lisa, „Verschiedene Musik macht eben verschiedene Menschen glücklich.“

„So wie Erdbeeren und Rollmops“, ergänzte Lukas. „Du magst sie. Andere Drachen lachen dich deswegen aus. Jetzt lachst du mich wegen meiner Musik aus.“

„Entschuldigung“, sagte Fissinor kleinlaut.

„Macht nichts – ich mag dafür auch keinen Rollmops“, lachte Lukas.

„Spiel noch ein Lied“, bat Fissinor.

„Au ja“, sagte Lisa, die Weihnachtslieder auch gerne mochte. Und so hörten sie noch „Leise rieselt der Schnee“ und „Ihr Kinderlein kommet“, und fast hätten sie Fissinors Großvater überhört. Der musste draußen laut mit den Flügeln schlagen, ehe Fissinor eilig zu ihm hinauskletterte.

Auf dem Heimweg versuchte Fissinor, vor sich hinzusummen, denn die Melodie von „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ spukte ihm noch im Kopf herum. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Ein Drache ist eben kein Singvogel, auch wenn er fliegen kann.

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Weihnachten, Advent, Musik, Mp3-Player, Rollmops