14. Dezember

Drachengeschichte für den 14. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„Psst“, sagte Lukas als Fissinor zum Fenster hereinkrabbelte. Er zeigte auf Lisa. Sie saß im Bademantel an ihrem Schreibtisch und kritzelte angestrengt in ein Heft. „Sie hat vergessen, ihre Hausaufgaben in Mathe zu machen.“

„Was ist Mathe?“

„Was Unangenehmes“, meinte Lukas.

„Mir macht es Spaß“, sagte Lisa. „Bin gleich fertig. Mathe ist, wenn man zählen kann.“

„Wozu muss man … zählen?“, fragte Fissinor.

Lukas dachte nach. „Na ja, sonst weiß man zum Beispiel nicht, ob man wirklich drei Kugeln Eis bekommen hat oder nur zwei.“

„Was ist Eis?“

„Du lieber Himmel“, seufzte Lukas, „das zeigen wir dir im Sommer. Es schmeckt noch besser als Erdbeeren.“

Lisa klappte ihr Heft zu. „Zählen ist doch lustig. Weißt du zum Beispiel, wie viel Zacken du auf deinem Rücken hast?“, fragte sie Fissinor.

„Nein – ist das wichtig?“ Der kleine Drache war besorgt.

„Quatsch“, meinte Lukas, „warum soll das wichtig sein?“

„Ich möchte es aber gerne wissen.“ Lisa fing an zu zählen.

„Sie ist einfach nur neugierig“, sagte Lukas zu Fissinor. „Findest du das höflich, Lisa? Was würdest du sagen, wenn jemand anfängt, die Haare auf deinem Kopf zu zählen?“

Lisa kicherte. „Da hätte der aber lange zu tun. Fissi, du hast neunzehn Zacken. Ist das bei allen Drachen so?“

„Weiß nicht.“

„Habt ihr denn keine Schule, wo ihr so was lernt?“

„Was ist Schule?“

„Der hat es gut“, meinte Lukas.

„Schule ist ein Haus, wo alle Kinder ein paar Stunden am Tag hingehen müssen, um ganz viel zu lernen.“

„Ihr lernt nur ein paar Stunden am Tag?“, fragte Fissinor erstaunt. „Wir lernen den ganzen Tag. Wenn man lebt, lernt man immer, sagt Großvater. Ihr habt mir doch auch beigebracht, wie der Mond aussieht und wie man auf einer Tüte rutscht.“

„Wo sind eigentlich deine Eltern?“, fragte Lukas. „Du redest immer nur von deinem Großvater.“

„Meine Eltern sind viel unterwegs. Die machen lange Reisen in die Berge, treffen sich mit anderen Drachen und kümmern sich um wichtige Drachenangelegenheiten. Bei uns passen die Großeltern auf die Kinder auf, weil sie nicht mehr so weit fliegen können. Außerdem wissen sie am meisten und sollen das Wissen weitergeben. Dabei zählen wir aber nicht die Stunden und ein Extrahaus brauchen wir auch nicht.“

„Wie alt werden denn Drachen? Stimmt es, dass sie mehrere hundert Jahre alt werden?“

„Ja.“

„Siehste, dann zählen sie doch auch!“, rief Lisa triumphierend.

„Und dann ist es auch kein Wunder, dass sie so weise sind, dass sie keine Schulen brauchen“, meinte Lukas. „Aber da du kein Drache bist, Lisa, pack lieber deine Matheaufgaben in die Schultasche, sonst vergisst du sie morgen.“

„Stimmt.“ Lisa stopfte das Heft in ihre Mappe und krabbelte ins Bett. „Ganz schön kalt! Ich wette, es gibt morgen wieder Schnee.“

„Kann sein. Es riecht danach“, meinte Lukas und schnupperte hinaus, als er das Fenster für Fissinor öffnete. Vielleicht kam der kalte Wind aber nur von den großen Schwingen des uralten Drachen, der seinen Enkel abholte.

Auf dem Heimweg überlegte Fissinor, ob Lisa es wohl schon einmal geschafft hatte, die Sterne zu zählen.

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