13. Dezember

Drachengeschichte für den 13. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-AdventskalenderIrgendetwas kitzelte ihn an den Fußsohlen. Lukas erschrak so sehr, dass er fast aus dem Bett gefallen wäre. Er riss die Augen auf und sah Fissinor, der empört aussah und irgendetwas sagte. Lukas konnte ihn allerdings nicht verstehen, denn er hatte Stöpsel in den Ohren. Hastig zog er sie heraus und schaltete seinen Mp3-Player aus.

„Du hast mich gar nicht gehört“, beschwerte sich Fissinor.

Lisa saß in ihrem Bett und grinste. „Das sag ich ihm auch immer.“

„Entschuldige. Aber die Musik war so schön. Willst du mal hören?“

Fissinor kam neugierig näher. Lukas steckte ihm die Stöpsel in die ziemlich großen Ohren. Fissinor hielt den Kopf schief und lauschte angestrengt, aber dann schüttelte er sich so doll dass die Stöpsel wieder heraus flogen.

„Gefällt dir das nicht?“ Lukas war erstaunt.

„Dann hört man ja die Welt nicht mehr“, meinte Fissinor.

„Eben“, sagte Lukas. „Ich höre nicht, wenn mir einer sagt, ich soll aufräumen. Ich höre den Krach auf der Straße nicht. Ich höre Lisa nicht, wenn sie ewig mit ihrer Freundin telefoniert. Ist doch prima.“

„Du hörst aber auch nicht, wenn Fissinor da ist!“ feixte Lisa.

„Macht ihr Drachen denn gar keine Musik?“, wollte Lukas wissen.

„Wozu denn? Die Vögel singen doch. Der Wind flüstert im Gras und rauscht auf dem Wasser. Die Bienen summen. Das Eichhörnchen schimpft. Der Kuckuck ruft. Das Kaninchen scharrt in der Erde. Die Blumen wachsen….“

„Du kannst hören, wenn die Blumen wachsen?“, staunte Lisa.

„Ja, wenn man das Ohr dranhält, hört man wie die Stängel aus der Erde kommen. Es ist ein ganz leises Geräusch, aber schöner als Musik!“ Fissinors Augen leuchteten. „Mit Stöpseln in den Ohren kann man sowas natürlich nicht hören.“

„Also, Musik ist aber auch schön! Vielleicht hat dir nur die Band nicht gefallen.“ Lukas sprang aus dem Bett und winkte Fissinor in eine Ecke. „Halt mal Dein Ohr an diesen Lautsprecher. Ich kann das jetzt nur ganz leise machen, sonst hört Mama uns.“ Er kramte eine Weile in der Schublade und legte dann eine CD ein. Fasziniert betrachtete Fissinor die glänzende Scheibe, die sich hinter der durchsichtigen Abdeckung so schnell drehte dass ihm ganz schwindlig wurde.

Leise erklang „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ und dann „Stille Nacht.“ Fissinor spitzte die Ohren und rutschte noch näher an den Lautsprecher.

„Du lächelst!“, sagte Lisa und zeigte auf Fissinors Mundwinkel, die sich eindeutig nach oben bogen. „Es gefällt dir!“

„Es ist schön“, gab Fissinor zu. „Es macht irgendwie … glücklich.“

„Siehste“, sagte Lukas.

„Aber in deinen Stöpseln war nur Krach!“

„Weißt du“, erklärte Lisa, „Verschiedene Musik macht eben verschiedene Menschen glücklich.“

„So wie Erdbeeren und Rollmops“, ergänzte Lukas. „Du magst sie. Andere Drachen lachen dich deswegen aus. Jetzt lachst du mich wegen meiner Musik aus.“

„Entschuldigung“, sagte Fissinor kleinlaut.

„Macht nichts – ich mag dafür auch keinen Rollmops“, lachte Lukas.

„Spiel noch ein Lied“, bat Fissinor.

„Au ja“, sagte Lisa, die Weihnachtslieder auch gerne mochte. Und so hörten sie noch „Leise rieselt der Schnee“ und „Ihr Kinderlein kommet“, und fast hätten sie Fissinors Großvater überhört. Der musste draußen laut mit den Flügeln schlagen, ehe Fissinor eilig zu ihm hinauskletterte.

Auf dem Heimweg versuchte Fissinor, vor sich hinzusummen, denn die Melodie von „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ spukte ihm noch im Kopf herum. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Ein Drache ist eben kein Singvogel, auch wenn er fliegen kann.

***

Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Musik, Mp3-Player, Rollmops

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