03. Dezember

Drachengeschichte für den 03. Dezember

© Patricia Koelle

„Ich hab euch was mitgebracht!“, rief Fissinor.

„Psst!“, machte Lukas. „Nicht so laut, sonst hört uns Mama. Die hat Ohren wie ein Luchs!“

„Oh!“, machte Fissinor kleinlaut. Er wusste, dass ein Luchs eine große wilde Katze ist. Luchse leben im Wald. Einer hatte ihm schon mal was mit den Krallen auf die Nase gegeben.

„Was hast du uns mitgebracht?“, fragte Lisa aufgeregt. Sie hatte noch nie ein Geschenk von einem Drachen bekommen.

Fissinor legte erst ihr, dann Lukas etwas in die Hand. Sie drehten es andächtig hin und her.

„Oh, wie schön!“, staunte Lisa, und Lukas musste wieder „Psst!“, machen. Die Gegenstände waren schwer und glatt und sahen aus wie Eier, nur ein bisschen kleiner. Ihre Oberfläche glänzte wie Glas und fühlte sich auch so an, nur: sie leuchteten. Lisas schimmerte hell, Lukas‘ dunkler. „Was ist das? So einen Stein habe ich noch nie gesehen!“ Lukas wunderte sich, denn er kannte viele Steine und konnte Granit von Sandstein unterscheiden und Rosenquarz von Bergkristall.

„Das sind Mondglückchen“, erklärte Fissinor. „Alte, erfahrene Drachen können sie herstellen, aber nur am Tag unseres Feuerfestes. Großvater sagt, das Fest ist ähnlich wie euer Weihnachtsfest, nur ist es schon am 21. Dezember, zur Sonnenwende. Und es muss Vollmond sein. Dann können die Drachen mit ihrer Flamme ein besonderes Lavagestein schmelzen und neu formen. Wenn es wieder hart wird, fängt es das Mondlicht ein und hält es für immer fest. Man sagt, sie bringen Glück, denn in der Seele eines Lebewesens, das ein Mondglückchen besitzt, kann es niemals ganz dunkel werden.“

„Oh, wie schön!“, sagte Lisa zum zweiten Mal und starrte verzückt auf das Leuchten in ihrer Hand. „Sie fühlen sich warm an!“

„Ja, eine Spur von dem Drachenfeuer bleibt auch in ihnen zurück. Lisa – was machst du da mit deinem Mund?“

„Ich, wieso?“

„Sie lächelt“, sagte Lukas. „Das machen wir, wenn wir uns besonders freuen. Könnt ihr das auch nicht?“

Fissinor schnitt Grimassen, aber so richtig wollte ihm kein Lächeln gelingen. Lukas verkniff sich ein Lachen.

„Schade“, sagte Fissinor. „Lisa sieht hübsch aus, wenn sie lächelt. Aber ich bin eben ein Drache.“

„Du bist ein ganz besonderer Drache“, sagte Lisa. „Komm mal her.“ Mit den Zeigefingern schob sie ganz behutsam Fissinors Mundwinkel nach oben. „Siehst du, geht doch.“

„Das musst du nur ein bisschen üben“, sagte Lukas. „Dazu braucht man bestimmte Muskeln, die kannst du sicher trainieren. Zum Lächeln braucht man nämlich viel weniger Muskeln, als wenn man ein unfreundliches Gesicht machen will.“

„Halt jetzt keine Vorträge“, sagte Lisa, „mir ist eine Erinnerung für Fissinor eingefallen, die passt zu den Mondglückchen. Weißt du noch, der Glasbläser auf dem Weihnachtsmarkt?“

Fissinor kuschelte sich erwartungsvoll auf Lukas‘ Bett.

„Ach ja! Das ist ein Mann, der auch mit Feuer arbeitet. Glas muss man bei ganz großer Hitze schmelzen. Das gibt es in ganz vielen Farben, Blau und Grün und Gelb und Rot. Dann nimmt er eine glühende Kugel auf eine lange Stange und bläst sie auf, dabei muss er sie immer drehen, sonst wird sie krumm und reißt. Es sieht aus wie Zauberei. Das ist aber keine lustige Erinnerung, sondern eine schöne.“

„Eine, wo man lächelt?“, erkundigte sich Fissinor.

„Genau!“

„Ja, und dann wird ein Glas aus der Kugel oder eine Vase“, ergänzte Lisa. „Aber der Mann auf dem Weihnachtsmarkt, der konnte auch kleine Figuren machen, Pferde und Schwäne und Einhörner und Seehunde. Wenn die Sonne auf sie scheint, leuchten sie auch und sehen aus wie lebendig. Wir durften uns jeder eine Figur aussuchen. Und für dich hab ich deswegen auch ein Geschenk!“

Sie öffnete einen Schrank und holte vorsichtig etwas heraus. „Guck mal!“

Auf ihrer Handfläche saß ein ganz kleiner Drache und blickte Fissinor verschmitzt entgegen. Er sah ihm sehr ähnlich.

„Für mich? Wirklich für mich?“ Fissinor konnte es kaum glauben.

„Na klar. Warte, ich pack dir das in dieses kleine Kästchen, dann geht es nicht kaputt.“ Lisa war sich nicht sicher, wie kräftig eine Drachenpfote zupackt, auch wenn es die Pfote eines sehr jungen Drachens ist.

„Fissinor – du lächelst“, bemerkte Lukas. Und tatsächlich, Fissinors Mundwinkel hoben sich ein klein wenig nach oben.

Auf dem Heimflug umklammerte er ganz fest das Kästchen mit der Glasfigur, die ihm so ähnlich sah und die ihm ein Menschenkind geschenkt hatte.

Lisa und Lukas schliefen schon, und jeder hielt ein Mondglückchen warm in seiner Hand. Vielleicht lächelten sie deshalb auch im Schlaf.

***

Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Drache, Geschenk, Mondglückchen

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