16. Dezember

Drachengeschichte für den 16. Dezember

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Drachengeschichten-Adventskalender„Was macht ihr da?“

Die Zwillinge waren so beschäftigt, dass sie nicht bemerkt hatten, wann Fissinor hereingekommen war. Sie lagen im Schlafanzug auf dem Teppich und probierten die neuen Buntstifte aus, die im Nikolausstiefel gewesen waren. Lukas malte an einem riesengroßen Dampfer, und Lisa an etwas Grünem auf einer Blumenwiese.

„Wir malen“, erklärte Lisa, „siehst du doch! Malt ihr Drachenkinder nicht?“

„Naja … manchmal. Nicht gut. Was soll denn das Grüne sein?“

„Wahrscheinlich ein Grashüpfer“, vermutete Lukas.

„Nein, kein Grashüpfer! Guck richtig hin!“ Lisa war ein kleines bisschen beleidigt. „Das ist viel zu groß für einen Grashüpfer!“

Lukas und Fissinor starrten angestrengt auf das Bild.

„Die Wiese ist schön bunt“, sagte Fissinor vorsichtig.

Lukas fing an zu lachen.

„Jetzt weiß ich! Das sollst du sein, Fissinor!“

Ja, jetzt sah es der kleine Drache auch. Das grüne Ding hatte ja einen Hals mit Zacken, und Flügel und einen Schwanz. „Aber so dick bin ich doch nicht. Das sieht mehr aus wie Großtante Merfadona wenn sie zu viel Mäuseknödel gegessen hat.“

Jetzt musste auch Lisa lachen, und Fissinor freute sich.

„Naja, ein bisschen rund ist es schon geworden“, gab sie zu. „Lukas kann besser malen.“

Das Schiff auf Lukas‘ Bild sah wirklich großartig aus. Auf dem Deck hingen Lampions und kleine Menschen tanzten darunter. Aus dem Schornstein kam eine Wolke. Hinter dem Schiff war eine große Welle zu sehen, über der Möwen flogen. Beinahe konnte man sie kreischen hören, so lebendig war das Bild.

„Ich habe schon Schiffe gesehen“, sagte Fissinor sehnsüchtig. „Aber ich war noch nie auf einem drauf. Manchmal schleiche ich mich an den Strand. Eigentlich ist das nicht erlaubt.“

„Ja, du hast ja erzählt, dass kleine Drachen nicht ins Wasser sollen. Dürfen denn große Drachen das?“

„Die meisten Drachen sind wasserscheu, weil es nicht gut für das Feuer ist. Deswegen mögen sie auch keinen Fisch. Aber ich, ich mag es eben. Ich sehe gern den Wellen zu …“

„Und du magst Fisch. Und Erdbeeren. Ich glaube, du bist ein ungewöhnlicher kleiner Drache!“, stellte Lisa fest.

Fissinor ließ beschämt die Ohren hängen.

„Nein, nein“, sagte Lisa schnell. „Das ist doch nicht schlimm! Im Gegenteil, das heißt, du bist ein ganz besonderer Drache!“

Beruhigt stellte Fissinor die Ohren wieder auf. „Ich war noch auf keinem Schiff, aber ich bin mal auf einem Walfisch gelandet!“

Lukas ließ vor Staunen den Stift fallen und auf der Seite des Dampfers entstand ein Fleck. „Du bist was?

„Ich wollte nur ein Stück am Strand entlang fliegen, aber da kam ein Wind. Der war auf einmal ganz doll und hat mich über das Wasser getrieben. Und dann wurde ich müde und wollte mich auf einem Stein ausruhen, der aus dem Wasser sah. Aber der Stein war weich und hatte ein Auge. Da fiel mir ein, was Großvater mir von den Walfischen erzählt hat. Aber ich dachte, das wäre ein Märchen.“

Lisa hörte mit offenem Mund zu. „Hattest du nicht schreckliche Angst?“

„Ich hatte noch mehr Angst davor, ins Wasser zu fallen“, meinte Fissinor. „Der Walfisch sah eigentlich ganz nett aus. Ich glaube er hat mich gar nicht bemerkt. Er ist eine Weile geschwommen und als der Wind aufgehört hat, bin ich schnell an Land geflogen.“

„Donnerwetter!“, sagte Lukas. „Hier, möchtest du was malen?“

„Nee, lieber nicht …“

„Doch, zeig mal!“ Lisa drückte ihm einen Stift in die Pfote. „Komischer als mein Bild kann es ja bei dir auch nicht aussehen.“

Eine Weile malten sie alle drei. Dann sah Lisa auf Fissinors Bild. Dort waren ein paar Tiere zu sehen, von denen man nicht genau wusste ob es Pferde, Kühe oder Rehe waren. Ein paar Menschen waren auch dabei. Sie waren alle nur aus Strichen und sahen irgendwie seltsam aus, aber auch sehr lebendig.

„He, Lukas!“, rief Lisa. „Guck mal!“

Lukas guckte. „Das ist ja …“, rief er und sauste wieder einmal zum Regal. Er schlug ein Bild in einem dicken Buch auf und hielt es neben Fissinors Zeichnung.

Die beiden Bilder sahen beinahe gleich aus.

„Höhlenmalerei!“, staunte Lukas. „Du malst genau wie die Höhlenmenschen vor vielen tausend Jahren!“

„Höhlenmenschen? Menschen?“ Fissinors Schwanzspitze kringelte sich. Seine Mundwinkel bogen sich nach oben. Und dann hörte man ein kleines, ungewohntes Geräusch.

„Er lacht! Fissinor, du hast gelacht!“ Lisa sprang vor Freude auf und ab und fiel ihm um den Hals.

Fissinor riss vor Staunen die Augen auf und verstummte. Aber es gab keinen Zweifel.

„Ja, er hat gelacht“, stellte auch Lukas fest. „Zumindest ein bisschen. Aber – warum? Was ist denn an Höhlenmenschen komisch?“

Fissinors Schwanzspitze kringelte sich schon wieder. „Das waren keine Höhlenmenschen“, erklärte er. „Solche Bilder malen nur Drachen!“

„Uiih. Dann haben die Forscher das wohl nicht gewusst.“ Lukas staunte. Aber eigentlich klang es irgendwie logisch. Drachen gab es ja schon viel länger als Menschen. Und sie wohnten in Höhlen. Und nun hatte er ja selbst gesehen, wie Drachen malen.

Das Fenster klapperte ungeduldig im Wind. Fissinor kletterte hastig hinaus.

„Hier“, sagte Lisa und schob ihm eine Rolle Paper in die Pfote. „Ich schenk dir mein Bild, dann hast du zuhause auch was zu lachen!“

***

Stichwörter:
Weihnachten, Advent, Bild, Malen, Höhlenmenschen, Schiff

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